Gewalterfahrungen erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen erheblich. Wie können Psychotherapeut*innen angemessen reagieren, wenn der Verdacht auf Gewalt besteht? Der von der Psychotherapeutenkammer Berlin und dem Runden Tisch Berlin entwickelte Leitfaden "Ersthilfe bei Gewalt in der Paarbeziehung oder sexueller Gewalt" bietet praxisnahe Orientierung und konkrete Unterstützung.
Alle etwa neun Stunden wird in Deutschland eine Frau Opfer einer versuchten oder vollendeten Tötungsgetötet. Fast täglich stirbt in der Folge solcher Taten eine Frau oder ein Mädchen. Meist ist der Täter ein Mann, der in Beziehung zu der Betroffenen steht – der Partner oder ein Familienmitglied.
Alle drei Minuten erleidet eine Frau häusliche Gewalt.
Alle zehn Minuten wird eine Frau Opfer einer Sexualstraftat.
Hier muss betont werden: Bei diesen Zahlen handelt es sich nur um die angezeigten Fälle (Bundeskriminalamt, Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten Bundeslagebild 2023). Vermutet wird, dass nur etwa fünf bis zehn Prozent der Taten angezeigt werden. Die Dunkelziffern sind vermutlich noch um ein Vielfaches höher.
Gewalt und Missbrauch erhöhen Risiko für psychische Störungen
Neben den körperlichen Folgen von Gewalt und Missbrauch haben Betroffene ein erhöhtes Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben wir als Psychotherapeut*innen diese Personengruppe oft als Patientinnen in unserer Praxis – wahrscheinlich häufiger, als uns selbst bewusst ist.
Der Runde Tisch Berlin (RTB) – Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt (RTB) setzt sich für die Umsetzung der WHO-Leitlinien "Umgang mit Gewalt in Paarbeziehungen und mit sexueller Gewalt gegen Frauen" und ihre strukturelle Verankerung ein. Die Psychotherapeutenkammer Berlin ist Mitglied in diesem Gremium und hat nun zusammen mit dem RTB einen an den WHO-Leitlinien orientierten Handlungsleitfaden speziell für Psychotherapeut*innen herausgebracht. Dieser soll dabei unterstützen, den speziellen Bedürfnissen dieser Patientengruppe gerecht zu werden und damit eine gute Versorgung zu gewährleisten.
Am 26.11.2025, einen Tag nach dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, lud die Psychotherapeutenkammer Berlin ihre Mitglieder zu einer Online-Veranstaltung zur Bekanntmachung dieses Leitfadens ein. Im Rahmen der Veranstaltung informierte Dr. Dipl.-Psych. Silke Schwarz, Autorin des Buches „Psychotherapie bei Partnerschaftsgewalt – Herausforderungen in der Arbeit mit betroffenen Frauen“ (Kohlhammer, 2025) über unsere Unterstützungsmöglichkeiten in der psychotherapeutischen Arbeit mit Betroffenen.
Veranstaltung zum Thema bot wertvolle Erfahrungsberichte
Anschließend berichtete Alice Westphal, Mitglied im Betroffenenrat des Traumanetz Berlin, sehr persönlich, welche Methoden und Techniken von Behandler*innen sie aus der Betroffenenperspektive als hilfreich oder als eher weniger positiv erlebt hat. Die Kolleg*innen beschrieben diese Erfahrungsberichte als besonders hilfreich und motivierend für ihre eigene Arbeit und waren Frau Westphal sehr dankbar für die Chance, eine direkte Rückmeldung aus Betroffenensicht zu erhalten und so für das Thema stärker sensibilisiert zu werden.
Am Ende der Veranstaltung gab Karin Wieners von S.I.G.N.A.L. e.V., Geschäftsstelle RTB, hilfreiche Hinweise auf weitere Praxismaterialien und Informationen auf der Webseite des RTBs.
Der Handlungsleitfaden „Ersthilfe bei Gewalt in der Paarbeziehung oder sexueller Gewalt“ steht auf der Webseite der Psychotherapeutenkammer Berlin bereit.
Weitere Materialien zum Thema finden Sie auf der Website desRTB:
https://rtb-gesundheit.de/praxismaterialien
Autorin: Lea Gutz