Früher erkennen, schneller helfen, nachhaltig entlasten: Die PtK Berlin hat gemeinsam mit zentralen Akteur*innen das Konzept „Starke Hauptstadtkinder“ entwickelt. Es zeigt, wie Prävention dort ansetzen kann, wo alle erreicht werden: in der Schule.
Viele Lehrkräfte erleben es täglich: Kinder wirken erschöpft, ziehen sich zurück oder können dem Schulalltag kaum noch standhalten. Psychische Belastungen beginnen oft leise, bleiben lange unbemerkt und treffen auf ein Versorgungssystem mit knappen Ressourcen und langen Wartezeiten.
Vor diesem Hintergrund hat der Vorstand der Psychotherapeutenkammer Berlin (PtK Berlin) die Kommission Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie Prävention (KJP Prävention) eingesetzt, um Bedarfe systematisch zu analysieren und präventive Versorgungskonzepte zu entwickeln.
Wachsende psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen
Ausgangspunkt waren die seit Jahren zunehmenden psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen. Ursachen sind unter anderem multiple gesellschaftliche Krisen, unsichere Zukunftsperspektiven durch Klimawandel und Kriege, steigende Leistungsanforderungen und Konkurrenzdruck in der Schule sowie der Verlust stabiler Bindungs- und Beziehungsräume. Häufig fehlen verlässliche Orte für emotionale Verarbeitung; soziale Medien ersetzen zunehmend reale Beziehungserfahrungen.
Zwischen November 2022 und 2025 tagte die Kommission unter der Leitung des PtK-Berlin-Vorstandsmitglieds Eva Frank etliche Male gemeinsam u.a. mit Expert*innen aus Wissenschaft, aus den Senatsverwaltungen für Bildung, Jugend und Familie sowie für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege, aus Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Zuletzt bestand eine enge Zusammenarbeit mit dem Runden Tisch Kindergesundheit.
Schule als zentraler Ort für Prävention und frühe Unterstützungsangebote
Deutlich wurde, dass dem Setting Schule eine Schlüsselrolle für Prävention und frühe Intervention zukommt. Schule ist Lebens- und Lernort, erreicht alle Kinder und macht psychosoziale Belastungen früh sichtbar.
Gleichzeitig belegen Forschungsergebnisse, dass psychische Belastungen die Lernfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Daraus ergab sich ein klarer Handlungsbedarf: Notwendig sind niedrigschwellige, multiprofessionelle Unterstützungsangebote sowie eine verbesserte Kooperation zwischen Bildungs- und Gesundheitssystem, Eltern, Jugendhilfe und psychosozialen Einrichtungen.
Entlastung von Schüler*innen, Lehrkräften und Eltern
Als Ergebnis entstand das Konzept „SHK – Starke Hauptstadtkinder“, angelehnt an das bayerische Modell „Krisenfest“. Es wurde unter fachlicher Mitwirkung der KV Berlin entwickelt, die das Konzept beim Runden Tisch Kindergesundheit der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege eingebracht hat und sich auch um mögliche Finanzierungsoptionen bemüht. Der Entwicklungsprozess wurde zudem durch einen fachlichen Austausch mit der KV Bayern unterstützt.
Das Konzept bündelt zentrale Erkenntnisse der Kommissionsarbeit: Psychische Belastungen sind früh und flächendeckend sichtbar, schnelle und niedrigschwellige Zugänge ohne bürokratische Hürden sind entscheidend, und Psychoedukation – etwa zur Emotionskompetenz und -regulation – für Schüler*innen und Lehrkräfte ist ein zentraler Präventionsbaustein.
Frühes Handeln verhindert Chronifizierung
Ziel ist es, psychotherapeutische Beratung regelmäßig, sichtbar und verlässlich im Lebensumfeld Schule zu verankern – mit kurzen, flexiblen Einheiten, ohne Stigmatisierung und ohne lange Wartezeiten.
Angesichts der Tatsache, dass rund 50 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor dem 15. und etwa 75 Prozent vor dem 21. Lebensjahr beginnen, kann frühes Handeln Chronifizierungen und komorbide Verläufe verhindern. Das Konzept stärkt zugleich die Kooperation aller beteiligten Systeme und entlastet Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern nachhaltig.
Autorin: Eva Frank
Literatur:
Universität Leipzig (2024). Monitor Bildung und Psychische Gesundheit: Psychosoziale Versorgungstrukturen für Kinder und Jugendliche, schulische Belastungsfaktoren und Versorgungsbarrieren
Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Halle (Saale).
Robert Bosch Stiftung (2024). Deutsches Schulbarometer: Befragung Schüler:innen: Ergebnisse von 8- bis 17-Jährigen und ihren Erziehungsberechtigten zu Wohlbefinden, Unterrichtsqualität und Hilfesuchverhalten.
Asbrand, J., Schmitz, J. „Digital natives“ – psychisch gesund aufwachsen in einer digitalen Welt. Monatsschr Kinderheilkd 172, 859–864 (2024). https://doi.org/10.1007/s00112-024-02006-7
Mascheroni G, Ólafsson K (2014) Net children go mobile: Risks and opportunities. Educatt, Mailand. https://eprints.lse.ac.uk/55798/1/Net_Children_Go_Mobile_Risks_and_Oppo…. Zugegriffen: 18. April 2024