Soziale Medien belasten zunehmend die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ein neues Positionspapier der Psychotherapeutenkammer Berlin fordert Regulierung digitaler Plattformen, Prävention und einen Ausbau der Versorgung.
Die Psychotherapeutenkammer Berlin warnt vor einer Verschärfung der psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Medien. In einem im Januar veröffentlichten Positionspapier fordert sie wirksame Schutzmaßnahmen, verbindliche Regulierung digitaler Plattformen sowie einen Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung für junge Menschen.
„Was als Verheißung globaler Vernetzung begann, zeigt heute oftmals ein anderes Gesicht“, sagt Anna Heike Grüneke, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Vorstandsmitglied der Kammer. Soziale Isolation, Ängste, depressive Verstimmungen und Rückzugstendenzen prägten zunehmend den Alltag vieler junger Menschen, so Grüneke. Der suchterzeugende Charakter sozialer Medien sei inzwischen wissenschaftlich gut belegt.
Beim Schutz von Kindern und Jugendlichen bislang zu zögerlich
Zahlen unterstreichen den Handlungsdruck: Laut einer aktuellen DAK-Studie zeigen 21,1 Prozent der 10- bis 17-Jährigen ein riskantes Nutzungsverhalten, weitere 4,7 Prozent gelten als klinisch pathologisch betroffen. Gleichzeitig verbringen Jugendliche durchschnittlich mehr als dreieinhalb Stunden täglich in sozialen Netzwerken. In den psychotherapeutischen Praxen zeigen sich die Folgen unter anderem in Depressionen, Angst- und Schlafstörungen, Essstörungen sowie zunehmender sozialer Isolation.
„Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft ähnlich tiefgreifend wie einst die Industrialisierung. Doch gerade beim Schutz von Kindern und Jugendlichen reagieren wir bislang zu zögerlich“, so Grüneke. Erforderlich seien klare, ethisch fundierte Leitplanken und konkrete Schutzräume – online wie offline.
Ethisch fundierte Strategien und konkrete Schutzräume dringend nötig
Das Positionspapier der Psychotherapeutenkammer Berlin formuliert hierzu konkrete Forderungen. Dazu gehören evidenzbasierte Präventionsprogramme für Schulen und Familien unter Einbindung psychotherapeutischer Expertise, gesetzliche Vorgaben zu Datenschutz, Altersbeschränkungen und gefährdenden Inhalten sowie ein Verbot suchtfördernder Designmechanismen wie Endlos-Scrollen oder Autoplay für Minderjährige. Auch Smartphone-freie Zonen in Schulen und Bildungseinrichtungen werden gefordert.
Einen zentralen Schwerpunkt setzt die Kammer auf die Versorgungspolitik. Ein Ausbau der Versorgungskapazitäten sei dringend nötig, insbesondere durch eine eigenständige Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen.
Mit dem Positionspapier will sich die Kammer konstruktiv in gesundheitspolitische Debatten und pädagogische Handlungsfelder einbringen. Ziel ist es, die Perspektive der psychotherapeutischen Praxis sichtbar zu machen – und die Grundlage für gemeinsames Handeln zu schaffen.