Ob familiäre Konflikte, häusliche Gewalt oder problematische Mediennutzung: Die Anforderungen an Psychotherapeut*innen im Kinderschutz steigen. Andrea Kaden erläutert, worauf es in der Praxis ankommt, wo Grenzen liegen – und warum Hinsehen entscheidend ist.
Andrea Kaden hat Sozialarbeit/-pädagogik (FH) und Psychologie studiert und ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie ist seit vielen Jahren im Bereich Kinderschutz tätig und als ehrenamtliche Kinderschutzbeauftragte für die PtK Berlin Ansprechpartnerin zu diesem Themas. Sie bietet zum Thema Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung in der Kammer regelmäßig gemeinsam mit Kolleg*innen aus dem Ausschuss Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und dem Sachverständigenausschuss Fortbildungen an.
Frau Kaden, welche Fragen begegnen Ihnen in Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Kinderschutzbeauftragte der PtK Berlin besonders häufig?
Häufig fragen mich Kolleg*innen: Wenn das Thema Kinderschutz in der therapeutischen Beziehung auftaucht, ab wann und an wen sollte ich das dann weitermelden bzw. was sind die richtigen Schritte? Ein Kind erzählt etwa, es habe beobachtet, wie Papa Mama geschlagen hat. Oder eine Jugendliche berichtet: „Wir schließen uns jetzt zu Hause ein, weil Papa schon mal die Tür aufgebrochen hat. Jetzt haben wir neue Schlösser.“ Solche Themen werfen die Frage auf: Reicht da die Therapie aus oder muss andere Hilfe her? Dabei geht es oft um den Schritt aus der psychotherapeutischen Behandlung heraus in die Jugendhilfe. Hier leiste ich Aufklärungsarbeit – auch zu der Frage, wie das Jugendamt dann mit solchen Fällen verfährt.
Wozu suchen Kolleg*innen noch Ihren Rat?
Andere häufige Fragen sind: Wie hole ich in solchen Fällen die Eltern ins Boot? Muss oder darf ich dem nachkommen, wenn Eltern von jugendlichen Patient*innen von mir Einsicht in die Krankenakte fordern? Und wie kann ich das Thema mit den Eltern besprechen? Ich würde auf jeden Fall immer dazu raten, sich bei Unsicherheiten frühzeitig beraten zu lassen, statt abzuwarten oder das Thema erstmal nur in der Supervision zu besprechen. Ich erfahre natürlich keine Klarnamen und bin nur fachberatend tätig. Verantwortlich für die Umsetzung oder die Entscheidung bleibt der*die Therapeut*in.
Sie arbeiten im Kinderschutz-Zentrum Berlin. Mit welchen Themen oder Problemlagen sind Sie dort konfrontiert?
Häufig sind Fälle von Streitigkeiten nach der Trennung der Eltern, wenn diese sich gegenseitig vorwerfen, sie seien nicht gut für das Kind. In diesem Kontext hat die Zahl der Kindeswohlgefährdungen deutlich zugenommen. Und es gibt immer mehr Kinder, die kaum von ihrem nahen Umfeld gesehen werden. Die in Therapie sind, aber trotzdem alleingelassen werden, weil die Eltern sehr mit anderen Themen beschäftigt sind.
Eigentlich würde ich mir wünschen, dass mehr Erwachsenentherapeut*innen, die ja oft Eltern in der Therapie haben, auch für die Belange der Kinder ein noch offeneres Ohr hätten. Wenn es etwa eine Suchtproblematik gibt oder wenn es einer Mutter oder einem Vater gerade nicht gut geht, nachzufragen, wer sich gerade um die Kinder kümmert.
Sieht man noch einen Einfluss der Corona-Pandemie auf die Fälle?
Ja. Es gibt mehr häusliche Gewalt, mehr Misstrauen in Institutionen. Junge Menschen, denen der Umgang mit Konflikten mit anderen Menschen schwerfällt, weil sie es während der Pandemie nicht gut lernen konnten. Und man weiß auch, dass sehr viele Kinder und Jugendliche seitdem an bestimmten Auffälligkeiten leiden, die behandlungsbedürftig sind.
Lassen Sie uns über den Komplex Smartphone und Social Media sprechen. Studien zeigen hier deutliche Risiken – von Cybermobbing über Abhängigkeitseffekte bis hin zu Körperbildstörungen. Wie stark spiegelt sich das in der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wider?
Klar ist, psychische Probleme im Zusammenhang mit Social-Media-Nutzung haben stark zugenommen. Natürlich gibt es viele ganz gefährliche Aspekte: die Ausbildung bestimmter Fähigkeiten wie der Konzentrationsfähigkeit werden ausgebremst, Mobbing hat zugenommen, perfekte künstliche Körper verzerren die eigene Körperwahrnehmung. Außerdem haben Soziale Medien ein hohes Suchtpotenzial. Sie sind so konzipiert, dass die Nutzer*innen kein Ende finden.
Sehen Sie auch positive Aspekte?
Der Komplex hat mehrere Seiten: Über ihr Handy haben Kinder und Jugendliche oft ein soziales Miteinander, weil sie sich auf bestimmten Plattformen treffen und dann auch Gemeinschaften bilden, Interessensgemeinschaften. Kinder, die sonst alleine nur in ihrem Zimmer sitzen würden, haben plötzlich eine größere Gruppe, in der sich alle etwa über eine bestimmte Musikerin austauschen. Und zu Corona-Zeiten haben die Kinder und Jugendlichen natürlich von den digitalen Medien profitiert, konnten sich zumindest online treffen, manchmal auch online gemeinsame Spiele spielen.
Soziale Medien sind also riskant, treffen aber zugleich auf die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Feedback. Was halten Sie von Regulierung, etwa einem Mindestalter für die Nutzung von Social Media?
Das halte ich für unbedingt sinnvoll. Rechtlich wird es aber schwierig, wenn es konkret um potenzielle Kindeswohlgefährdung durch Soziale Medien geht. Der Gesetzgeber greift immer eher später ein – dann, wenn bereits klar ist, was die Forschung zeigt. Gesetzlich vorgegebene Einschränkungen lassen sich erst umsetzen, wenn eine nachgewiesene Kindeswohlgefährdung attestiert worden ist. Davon sind wir momentan noch weit entfernt. Und im Einzelfall wird das Jugendamt erst dann tätig werden, wenn Eltern sagen, wir brauchen Unterstützung.
Und im ersten Schritt geht es ja auch um die Vorbildfunktion der Eltern…
Natürlich. Wünschenswert wäre, dass Eltern sicherer sind in der Erziehung zu einer guten Medienkompetenz. Sie sollten genau hinsehen, wie viel Zeit Kinder mit sozialen Medien verbringen und das Gespräch darüber suchen, wie diese Apps funktionieren, welche Interessen dahinterstecken, wer daran verdient. Auf der einen Seite sollten sie also neugierig sein und fragen: Was machst du da? Gleichzeitig sollten Eltern eine klare Haltung haben und ein Vorbild sein – also den Kindern und sich selbst Grenzen setzen.
Aber Eltern allein können sicher nicht genug einwirken …
Hier geht es um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und die Aufklärung über Nutzen und Risiken muss natürlich auch in der Schule passieren. Medienkompetenz als Schulfach ist meiner Meinung nach unabdingbar.
Vielen Dank für das Gespräch!