Überwacht, bedroht, bloßgestellt: Wie Psychotherapeut*innen digitale Gewalt erkennen und Betroffenen helfen können.
Am 2. September 2026 fand im Jüdischen Krankenhaus Berlin der 6. Aktionstag des Runden Tisches Berlin (RTB) „Gesundheitsversorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt“ statt, dem auch die Psychotherapeutenkammer Berlin als Mitglied angehört. Unter dem Motto „Digitale Gewalt ist Gewalt. Auch in Beziehungen“ luden die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege und der RTB zum fachlichen Austausch darüber ein, welche Bedeutung digitale Gewalt in der Versorgung hat und wie sie in die Ersthilfe integriert werden kann.
Digitale Gewalt – ein wachsendes Problem
Besonders betroffen sind jüngere Frauen* sowie trans-, inter- und nonbinäre Personen. 2024 erfasste das Bundeskriminalamt knapp 30.000 Opfer digitaler Gewalt, weit über die Hälfte davon Frauen und Mädchen. Etwa jeder sechste Fall ereignete sich in (Ex-)Beziehungen, mit steigender Tendenz. Dabei tritt digitale Gewalt selten isoliert auf, sondern verstärkt „analoge“ Gewaltformen: Betroffene werden bedroht, mit GPS-Trackern und Spyware überwacht, ihre Geräte gehackt oder Deepfakes verbreitet. Sie kommt so zu bestehender physischer, psychischer und finanzieller Gewalt hinzu und erzeugt, wie Alice Westphal, Mitglied des Betroffenenrats bei Traumanetz Berlin und Initiatorin der Kampagne #ichbinjededritteFrau beim Aktionstag betonte, eine zusätzliche, kaum zu bewältigende Stresssituation.
Gesundheitswesen als wichtige Anlaufstelle
Annegret Dreher, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Jüdischen Krankenhaus Berlin, schilderte eindrücklich die gesundheitlichen Folgen. Dazu zählen insbesondere posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen. Das Erkennen digitaler Gewalt dürfe daher kein Zufallsbefund bleiben, sondern erfordere geschultes Personal, so Dreher. Suchen Betroffene medizinische Einrichtungen nach einer Gewalterfahrung auf, sprechen sie selten von selbst direkt die erfahrene Gewalt an – dennoch bestehe dort ein besonderes Vertrauensverhältnis, das Gespräche ermögliche, betonte Staatssekretärin Ellen Haußdörfer.
Bedeutung für die psychotherapeutische Praxis
Der RTB veröffentlichte anlässlich des Aktionstages die bundesweit erste Handlungsempfehlung „Digitale Gewalt – Thema in Ersthilfe und gesundheitlicher Versorgung bei häuslicher und sexualisierter Gewalt“. Sie richtet sich an alle Mitarbeitenden mit Patient*innenkontakt, zeigt praxisnahe Handlungsmöglichkeiten auf und benennt spezialisierte Anlaufstellen.
„Für uns Psychotherapeut*innen ist es von großer Bedeutung, über die Formen und Folgen digitaler Gewalt informiert zu sein, um unseren Patient*innen die Unterstützung geben zu können, die sie brauchen“, betont Dr. Lea Gutz, Vizepräsidentin der PtK Berlin. Die Kammer engagiert sich als RTB-Mitglied dafür, das Thema stärker in der psychotherapeutischen Aus-, Fort- und Weiterbildung zu verankern und empfiehlt allen Mitgliedern, sich mit der Handlungsempfehlung vertraut zu machen.
Die Empfehlung finden Sie unter: https://rtb-gesundheit.de/sites/rtb-gesundheit/files/uploads/Screen%20Empfehlung%20Digitale%20Gewalt.pdf
Weitere Handlungsempfehlungen des RTB bei Häuslicher Gewalt sind hier zu finden: Praxismaterialien | Runder Tisch Berlin
Autorin: Nicole Sagener