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„Traditionelle Männlichkeit führt zu Krisen und Katastrophen“

09.09.2026

Je stärker ein Mann von traditionellen Männlichkeitswerten durchdrungen ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er früher, einsamer und ungesünder stirbt, sagt der Psychotherapeut Matthias Stinn. Ein Gespräch über traditionelle Rollenbilder, geschlechterreflektierte Männerarbeit und Antifeminismus.

Matthias Stinn ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet in seiner Praxis mit einem Behandlungsschwerpunkt auf männerspezifischer Psychotherapie. Beim Fachtag “Wenn Werte kollidieren - Psychotherapie zwischen autoritären Sehnsüchten und antifeministischen Strömungen”, den die Psychotherapeutenkammer Berlin und der IZRD e. V. am 13. Juni in Berlin veranstalteten, bot Stinn einen vielbesuchten Workshop zur geschlechterreflektierten Männerarbeit an. Hier erzählt er, was ihn persönlich dazu bewegt hat, sich auf dieses Thema zu spezialisieren – und wann traditionelle Rollenbilder für Männer zu einem gesundheitlichen Problem werden können.

Herr Stinn, was hat Sie dazu bewegt, in ihrer Profession in das Thema geschlechterreflektierte Männerarbeit zu gehen?

Matthias Stinn: Ich habe einen stark persönlich-biografischen Bezug zu dem Thema. Ich war eigentlich gerne Junge, aber meine Kindheit, Jugend und das Erwachsenenalter waren geprägt von Druck, Leistungsdruck und Konkurrenzempfinden sowie vielen Verletzungen. Mit Mitte 20 stieß ich auf Literatur, die sich mit Männlichkeit und Patriarchat beschäftigte und verstand, dass hinter dem, was ich als Junge erlebt hatte, ein System aus Geschlechterrollen und Zuschreibungen steckt. 

Was bedeutet geschlechtsspezifische Sozialisation?

Matthias Stinn: Im Prozess unserer Sozialisation treten wir als Individuen in Kontakt mit unserer Umwelt – Eltern, Peergroup, Medien, Bildungseinrichtungen, Berufswelt. Unsere Umwelt interagiert dabei nicht nur als Menschen mit uns, sondern vor allem durch eine geschlechtliche Brille – von Geburt an und sogar schon vor der Geburt. 

Wie wirkt sich das aus?

Matthias Stinn: Die geschlechtliche Sozialisation – ein bestimmtes Set an Verhaltensweisen, Eigenschaften, Werten und Emotionen, die einem Jungen zugeschrieben und zugestanden werden – hat Einfluss auf jeden Bereich des Lebens: Berufswahl, Sexualität, Lebensentwürfe, die starke Identifikation über Erwerbsarbeit. Im Männlichkeitskonzept verankert ist auch der Zwang zur Gefühlsabwehr. Merksatz: Geschlecht unterscheidet, Geschlecht fordert, Geschlecht wertet.

Wann werden traditionelle Rollenbilder für Männer zum Problem?

Matthias Stinn: Das Konzept der traditionellen Männlichkeit verlangt von Jungen und Männern, dass sie souverän, hart arbeitend, konkurrenzorientiert, heterosexuell sind und wenig Gefühle zeigen. Die Eigenschaften an sich – Leistungsfähigkeit, sich durchsetzen können, ein Ziel verfolgen, trotz Angst weitermachen – sind nicht toxisch und wir sollten Männlichkeit nicht pauschal als schädlich sehen. Aber wenn ein Junge so sozialisiert wird, dass er als Mann die Hälfte seiner Emotionen nicht wahrnehmen kann, bekommt er Probleme mit körperlicher und mentaler Gesundheit, in Beziehungen, Vaterschaft oder Sexualität. Konkret sind das etwa Männer, die gewalttätig werden, wenn sie sich überfordert und hilflos fühlen. Oder die, deren Depression sich verschlechtert, ohne dass sie sich mitteilen. Oder die, die mit Mitte dreißig zwar Kollegen, aber keinen einzigen vertrauten Freund haben. Die Sozialisation äußert sich auch darin, keine homosexuellen Impulse haben zu dürfen oder beim Dating potent und stark sein zu müssen. Traditionelle Männlichkeit führt zu Krisen und Katastrophen. Und das Problem ist, dass Jungs zu wenige gesunde Alternativen haben.

Sie sagten, traditionelle Männlichkeit führt zu Katastrophen. Was meinen Sie?

Matthias Stinn: Je stärker ein Mann von traditionellen Männlichkeitswerten durchdrungen ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er früher, einsamer und ungesünder stirbt. Einsamkeit, verdeckte Depressionen, psychosomatische Störungen, Abhängigkeitserkrankungen und Suizid können zu den Folgen gehören. Ich unterscheide zwischen Männer-Krisen und Männer-Katastrophen. Mit Männer-Krisen, etwa einer Depression, können wir gut arbeiten. Männer-Katastrophen wie Suizid oder schwere Gewalt gegen andere sind irreversibel. Umgekehrt gilt: Je mehr ein Mann sich von bestimmten Anforderungen emanzipiert, desto länger und glücklicher lebt er. Es gibt einen Unterschied von fünf Jahren Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen, der nicht rein biologisch erklärbar ist. 

Woran liegt das?

Matthias Stinn: Wer nicht lernt, Überforderung und Hilflosigkeit wahrzunehmen, hört nicht auf das Signal, dass er Unterstützung braucht. Er wählt Strategien wie Flucht nach vorne, mehr Kaffee, mehr Alkohol oder agiert Gefühle über Wut aus. Wut ist oft die Stellvertreter-Emotion für Überforderung, Hilflosigkeit, Scham oder Trauer. Das führt zu risikoreichem Verhalten, Gewalt gegen sich selbst oder andere, Unfällen und Suizid.

Wenn ein Mann bei Ihnen nicht an die ursächlichen Themen herankommt, wie gehen Sie vor, ohne ihn zu beschämen?

Matthias Stinn: Oft sagen die Männer: „Ich habe einen guten Job, zwei Autos, eine Familie – warum bin ich so unglücklich?“ Ich helfe dann zuerst, die Situation einzuordnen. Ich erkläre, dass das Gefühl von Druck nicht individuelles Versagen ist, sondern zum Mensch-Sein dazugehört und durch Männlichkeitsanforderungen verschärft wird. Wir arbeiten auch mit Fakten und Statistiken, was oft beruhigt.

Und dann?

Matthias Stinn: Wenn Gefühle wie Vulnerabilität hochkommen, rationalisieren Männer oft, schweigen oder wechseln das Thema. Ich nutze die Strategie der „liebevollen Konfrontation“ (siehe: Björn Süfke). Wenn ich merke, jemand schluckt, frage ich: „Was ist gerade in Ihnen los?“ Oft kommt: „Ich weiß auch nicht, da ist so ein Druck.“ Dann spiegele ich, biete ein Buffet an Emotionen an, um zu beschreiben, was in meinem Gegenüber vorgeht.

Bekommt eine Therapeutin das genauso gut hin, oder ist die männliche Perspektive hilfreich?

Matthias Stinn: Ich profitiere davon, dass ich selbst Cis-Mann bin und diese Sozialisation durchlebt habe. Aber unabhängig von ihrem Geschlecht können alle diese Arbeit leisten, wenn sie ihre Haltung und Kompetenz gut reflektieren und abstecken.

Wie macht sich Frauenverachtung und Antifeminismus in der therapeutischen Arbeit bemerkbar?

Matthias Stinn: Kein Junge entscheidet sich mit acht Jahren dafür, so erzogen zu werden, dass er mit 30 Jahren Frauen verachtet. Aber Männlichkeit definiert sich oft durch Konkurrenz unter Männern und durch Abgrenzung von Weiblichkeit. In der Therapie sagen Männer selten explizit, dass sie Frauen geringschätzen. Und dann bemerkt man die sexistische Sozialisation etwa, wenn ein Mann Beziehungsprobleme bekommt, weil seine Partnerin einen besser bezahlten Job hat.

Wie verhalten Sie sich zum Thema Haltung und Neutralität, wenn so etwas passiert?

Matthias Stinn: Wenn ein Mann sich abfällig über Frauen oder queere Menschen äußert, thematisiere ich das. Ich frage: „Wie bist du zu der Meinung gekommen?“ Ich lade zum Perspektivwechsel ein und zeige Medien oder Texte von Frauen oder queeren Personen. Bringt jemand lebensfeindliche Werte oder Verschwörungstheorien ein, begrenze ich das: „Lassen Sie uns bitte auf die Therapiethemen konzentrieren.“ Ich bin der Neutralität verpflichtet, muss aber auch der Gesundheit des Gegenübers dienen. Weiß ich, dass seine Werte dazu führen, dass er kürzer lebt, bringe ich das authentisch ein. Haltung zeigen bedeutet nicht, ein politisches Programm aufzudrücken, sondern Werte wie Gewaltfreiheit und Selbstentwicklung anschlussfähig an den Mann zu bringen.

Beobachten Sie, dass traditionelle Männlichkeitsbilder wieder zunehmen?

Matthias Stinn: Ja. Männer berichten von maskulinistischen Influencern aus der „Manosphäre“ in Fitness, Dating und Maskulinität. Bei Teenager-Jungs ist der Social-Media-Input aktuell der größte Einflussfaktor für geschlechtliche Prägung. Diese Männlichkeitsbilder sind toxisch, versprechen aber klare Benefits und eine ersehnte Klarheit in der komplexen Identitäts- und Gender-Frage. Das progressive Lager muss hier vermitteln, dass Reflexion über das Mannsein, Feminismus und Gleichstellung ein Gewinn für Männer sind – für Wohlbefinden, Beziehungen, Sexualleben und Vaterschaft. 

Was würden Sie sich für die psychotherapeutische Aus- und Weiterbildung sowie für Schulen wünschen?

Matthias Stinn: Auf politischer Ebene braucht es eine bessere psychosoziale Versorgung von Jungen, Männern und Vätern, wie es das Bundesforum Männer fordert. In Schulen sollte es in den Curricula Relevanz haben. Ein Best-Practice-Beispiel aus Köln ist „Detox Identity“, die ein Jahr lang präventiv mit Schüler*innen an Geschlechterrollen arbeiten. Wir brauchen in den therapeutischen Ausbildungen Schulungen zu männlicher Sozialisation.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Nicole Sagener.

Schlagworte
Antifeminismus
Frauenverachtung
Männlichkeitsbilder
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