Berlin, 11. Juni 2026 - Die Klimakrise ist längst eine Gesundheitskrise – auch und gerade in Großstädten wie Berlin. Hitze gilt als das größte durch die Klimakrise bedingte Gesundheitsrisiko in Deutschland – und Hitzewellen werden künftig häufiger auftreten, intensiver ausfallen und länger andauern.¹ Bereits 2025 gab es laut dem Klimajahresbericht des Deutschen Wetterdienstes (DWD) im deutschlandweiten Jahresmittel 11 Extremtage mit über 35 °C – 150 Prozent mehr als zwischen 1961 und 1990.² Prognosen des DWD zufolge ist bis Ende des Jahrhunderts mit einer weltweiten Erwärmung um 2,9 bis 4,6 °C zu rechnen.
Die Folgen sind tödlich – auch in Deutschlands Hauptstadt: 2023 wurden für Berlin 106 Hitzetote ausgewiesen – in einem Sommer ohne ausgeprägte Hitzewelle.³ Die Klimarisikoanalyse des Landes Berlin bestätigt: Das Handlungsfeld „Gesundheit" ist besonders davon betroffen – vor allem in dicht bebauten Innenstadtbereichen mit starker Versiegelung. So war der 2. Juli 2025 mit 38,0 °C im Stadtteil Marzahn einer der heißesten je gemessenen Tage, wie der Deutsche Wetterdienst (2025) berichtet.²ᵃ
Auch die volkswirtschaftlichen Schäden zunehmender Hitzeereignisse sind erheblich: Aktuelle Forschungsberichte – darunter eine Analyse der Allianz sowie eine Studie von Prognos im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (2026) – belegen, dass Hitzeschutz nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.
Anlässlich des diesjährigen Hitzeaktionstages macht die Psychotherapeutenkammer Berlin auf eine Gruppe aufmerksam, die in Hitzeschutzplänen nach wie vor weitgehend fehlt: Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Eine unterschätzte Risikogruppe
Der Berliner Hitzeaktionsplan berücksichtigt besonders Säuglinge, Kleinkinder, ältere Menschen, Schwangere und chronisch körperlich Kranke. Menschen mit psychischen Erkrankungen finden hingegen kaum Erwähnung – obwohl die wissenschaftliche Evidenz eindeutig ist: Hohe Temperaturen sind ein statistisch belegter Stressor für die psychische Gesundheit und verschlechtern Symptome bei einer Vielzahl psychischer Erkrankungen.⁴ Hitzeperioden sind mit erhöhten Hospitalisierungsraten und erhöhter Suizidalität assoziiert.⁵
Die Gefährdung entsteht auf mehreren Wegen: durch biologische Stressreaktionen, Schlafstörungen, soziale Isolation sowie spezifische Wechselwirkungen mit Medikamenten.⁶ Menschen mit psychotischen Erkrankungen nehmen Umweltreize – und damit auch Temperaturen – teils verändert wahr und reagieren nicht ausreichend im Sinne einer gesunden Selbstfürsorge. Dabei können auch Medikamente eine Rolle spielen – etwa, wenn sie die Schwitzreaktion dämpfen oder die Kälteempfindlichkeit verändern.
Besonders alarmierend: Menschen mit schizophrenen Erkrankungen weisen an Hitzetagen unter allen chronisch Erkrankten eine der höchsten Sterblichkeitsraten auf, da Neuroleptika unter anderem die Regulation der Körpertemperatur beeinträchtigen, das Durstgefühl unterdrücken und das Risikoverhalten erhöhen können, was an heißen Tagen mit besonders großen Gefahren einhergeht. Auch für Menschen mit Demenz, Depressionen, Suchterkrankungen oder manischen und bipolaren Störungen bestehen spezifische, teils lebensbedrohliche Risiken.⁷ An Hitzetagen steigt die Rate an Suizidversuchen, die Suizidsterblichkeit nimmt zu. Als mögliche Gründe werden eine stärkere Enthemmung impulsiven Verhaltens und die an solchen Tagen erhöhte soziale Isolation diskutiert.
Was Berlin jetzt braucht
Psychisch kranke Menschen in Berlin brauchen aus all diesen Gründen unsere besondere Aufmerksamkeit, als ambulante, stationäre Patient*innen, zuhause oder in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen. Die Psychotherapeutenkammer Berlin fordert darum:
- Die explizite Aufnahme psychisch erkrankter Menschen als besonders vulnerable Gruppe in den Berliner Hitzeaktionsplan
- Die Sensibilisierung von Politik, Kliniken, Betreuungseinrichtungen und Fachpersonal für die spezifische Situation psychisch Kranker bei Extremhitze,
- Die Erstellung eines Musterhitzeschutzplans für stationäre psychiatrische Einrichtungen
- Zielgruppengerechte Kommunikationskonzepte, die auch Menschen ohne digitalen Zugang erreichen
- Die Unterstützung des Fachpersonals durch Informationsmaterialien und Fortbildungsangebote, wie im aktuellen Hitzeaktionsplan explizit vorgesehen
Darüber hinaus sind stadtplanerische Maßnahmen der Verhältnisprävention dringend erforderlich: mehr Grünflächen, Wasserflächen, öffentliche Trinkbrunnen und niedrigschwelliger Zugang zu Kühlräumen.
Handeln bevor die nächste Hitzewelle kommt
Die neue Klimarisikoanalyse Berlin legt die Grundlage für eine Klimaanpassungsstrategie – das ist ein wichtiger Schritt. ⁸ Nun muss er konsequent gegangen werden. Die Psychotherapeutenkammer Berlin appelliert an den Berliner Senat: Psychisch erkrankte Menschen müssen in diesem Prozess sichtbar werden. Jede Hitzewelle, auf die wir unvorbereitet treffen, kostet Menschenleben – darunter die der Vulnerabelsten.
Weiterführende Materialien
Das Bündnis Hitzeaktionstag 2026 hat anlässlich des diesjährigen Aktionstages ein Positionspapier zur Krisenresilienz bei Extremhitze veröffentlicht, das unter hitzeaktionstag.de abrufbar ist.
Auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnt vor Hitze als Gefahr für die psychische Gesundheit und bietet verschiedene Materialien und Handlungsempfehlungen, um Menschen mit psychischen Erkrankungen besser vor den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise und besondersvon Hitze zu schützen. Diese richten sich an Psychotherapeut*innen als auch an Patient*innen:
- Bundesempfehlung des BMG und der BPtK: Musterhitzeschutzplan für ambulante psychotherapeutische Praxen
- Hitze und psychische Gesundheit: Informationen für Psychotherapeut*innen
- Hitze und psychische Gesundheit: Informationen für Patient*innen
Über die Psychotherapeutenkammer Berlin
Die Psychotherapeutenkammer Berlin ist die gesetzliche Berufsvertretung aller mehr als 6.500 approbierten Psychotherapeut*innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen im Land und vertritt deren Interessen in Politik und Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist unter anderem die Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität des Berufsstandes und der Fort- und Weiterbildung.
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Kontakt für Medienanfragen:
Nicole Sagener, Leiterin Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 30 8871400, E-Mail: presse@psychotherapeutenkammer-berlin.de
Quellen
¹ Bundesärztekammer / BPtK (Hrsg.): Hitze und psychische Gesundheit. Berlin 2024.
² Deutscher Wetterdienst (DWD): Klimajahresbericht 2025. Referenzperiode 1961–1990.
²ᵃ Deutscher Wetterdienst (DWD): Deutschlandwetter im Sommer 2025. Pressemitteilung vom 29. August 2025. Online: dwd.de
³ Amt für Statistik Berlin-Brandenburg: Hitzebedingte Sterblichkeit 2023 in der Hauptstadtregion. Potsdam 2024. Online: statistik-berlin-brandenburg.de
⁴ Liu, J. et al. (2021): Is there an association between hot weather and poor mental health outcomes? A systematic review and meta-analysis. Environment International, 153, Article 106533.
⁵ Lai, K. Y., Bauermeister, S., & Sarkar, C. (2026). Associations of heat exposure with mental health and suicide in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. Npj Mental Health Research, 5(1).
⁶ Baecker L, Iyengar U, Del Piccolo MC, Mechelli A. (2025): Impacts of extreme heat on mental health: Systematic review and qualitative investigation of the underpinning mechanisms. The journal of climate change and health, 22, 100446.
⁷ Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): Hitze und psychische Erkrankungen – Informationen für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Berlin 2024.
⁸ Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin: Neue Klimarisikoanalyse: Berlin legt Grundlage für Klimaanpassung.