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Verfügbar, aber unerreichbar: Der lange Weg von Frau K. zu diskriminierungssensibler Versorgung

28.10.2026

Einladung zum Tag der offenen Tür des Gesundheitsnetzwerks TIN* & Flucht am 25. November

Was passiert, wenn dringend benötigte medizinische Versorgung unerreichbar bleibt? Die Fallbeschreibung von Frau K., einer trans Frau mit Fluchterfahrung, zeigt, wie Sprachbarrieren, fehlende Behandlungsplätze und Versorgungslücken den Zugang zu geschlechtsaffirmierender Behandlung erschweren. Der Tag der offenen Tür des Gesundheitsnetzwerks TIN* & Flucht am 25. November lädt dazu ein, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen, um gemeinsam besser Versorgungshürden abzubauen.

Frau K. ist eine trans* Frau aus Syrien. Nach ihrer Geburt wurde sie dem männlichen Geschlecht zugewiesen, aber bereits in ihrer Kindheit erlebt sie sich selbst als „anders“ als die Jungen, spielt lieber mit Mädchen und Puppen und fühlt sich zu Kleidung hingezogen, die als „Mädchenkleidung“ gilt. Wenn sie versucht, sich entsprechend auszudrücken, wird sie von ihren Eltern beschimpft und körperlich bestraft. Schon früh lernt sie, dass wesentliche Teile ihrer Identität in ihrer Familie keinen Platz haben.

Mit Beginn der Pubertät verstärkt sich ihr Leidensdruck. Die körperlichen Veränderungen, insbesondere das zunehmende Haarwachstum am Körper und im Gesicht werden für sie zu einer täglichen Belastung. Trotz der teilweise mehrmals täglichen Rasur bleibt der sichtbare Bartschatten bestehen. Der Blick in den Spiegel wird immer schwieriger.

Gleichzeitig entwickelt Frau K. Gefühle für Männer. Als ihre Familie sie bei einer sexuellen Begegnung mit einem Mann entdeckt, eskaliert die Situation. Sie wird bedroht und fürchtet um ihr Leben, sieht keinen sicheren Ort mehr in ihrem sozialen Umfeld. Sie entscheidet sich zur Flucht.

Über die Türkei gelangt sie nach Europa und beantragt schließlich in Berlin Asyl. Von Freund*innen hatte sie zuvor gehört, dass es in Berlin eine große queere Community und Unterstützung für trans* Menschen gibt. Aus der Hoffnung, endlich offen als Frau leben und medizinische Unterstützung für die Anpassung ihres Körpers erhalten zu können, schöpfte sie während der Flucht Kraft. 

In Berlin lebt Frau K. in einer Unterkunft für queere Geflüchtete gemeinsam mit anderen trans* Frauen und traut sich erstmals in der Öffentlichkeit feminine Kleidung und Make-Up zu tragen. Sie erfährt von verschiedenen Möglichkeiten einer geschlechtsangleichenden bzw. geschlechtsaffirmierenden Behandlung, von Hormonersatztherapie, Haarentfernung und weiteren medizinischen Operationen. Für Frau K. entsteht erstmals eine konkrete Vorstellung davon, wie sich ihr Körper ihrem eigenen Geschlechtserleben annähern könnte.

Frau K. möchte möglichst schnell mit einer feminisierenden Hormontherapie beginnen. Nach Jahren, in denen sie ihren Körper als Quelle von Angst, Scham und Leid erlebt hat, verbindet sie damit die Hoffnung auf ein selbstbestimmteres Leben. Leider wird sie auch in Berlin angestarrt, ist von rassistischen Übergriffen betroffen und erlebt erneut Gefühle von Unsicherheit und Ängsten an öffentlichen Orten. 

Der schwierige Zugang zum Gesundheitssystem

Mit Unterstützung einer Beratungsstelle für trans* Geflüchtete beginnt sie, eine psychotherapeutische Anlaufstelle zu suchen und erfährt, dass für den Zugang zu bestimmten medizinischen Leistungen – insbesondere zur Hormontherapie und Epilationsbehandlungen – je nach Versorgungssituation und behandelnder Stelle entsprechende fachliche Einschätzungen bzw. Indikationsschreiben verlangt werden können.

Damit beginnt für Frau K. ein neuer, unerwarteter Kraftakt: die Suche nach einem Zugang zum Gesundheitssystem.

Die Sprachbarriere stellt eine erste Hürde dar. Frau K. hat gerade erst mit einem Deutschkurs begonnen, kann einfache Sätze auf Deutsch verstehen, außerdem spricht sie etwas Englisch. Für ein Gespräch über ihre Geschlechtsidentität, ihre Kindheit, ihre Sexualität, ihre Fluchterfahrungen und ihren psychischen Leidensdruck reicht dies jedoch nicht aus. 

Gemeinsam mit einer Beratungsstelle schreibt sie zahlreiche Therapeut*innen an. Die Antworten sind ernüchternd: keine freien Therapieplätze, keine ausreichende Erfahrung mit trans* Klient*innen, keine Möglichkeit, eine Sprachmittlung zu finanzieren, keine Psychotherapie unter dem Asylbewerberleistungsgesetz. Teilweise erhält sie überhaupt keine Rückmeldung.

Aus Wochen werden Monate.

Die Mängel im Versorgungssystem

Frau K. muss erleben, dass ihre besonderen Bedarfe – trans*spezifische Fachkenntnisse, Sprachmittlung und die Berücksichtigung ihrer Fluchterfahrung – im regulären Versorgungssystem nur schwer zusammenzubringen sind.

Nach etwa einem Jahr ist sie erschöpft.

Inzwischen wurde ihr Schutzstatus in Deutschland anerkannt und sie ist Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung. Frau K. glaubt, nun endlich Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung zu erhalten.

Da sie weiterhin keinen regulären Therapieplatz findet, spart sie Geld und bezahlt schließlich selbst eine Therapeutin, die Erfahrung im Bereich trans* Gesundheit hat. Für Frau K. ist dies eine erhebliche finanzielle Belastung. Gleichzeitig empfindet sie die Behandlung als den einzigen Weg, ihr Leben endlich als sie selbst leben zu können. Nach einiger Zeit erhält sie die benötigte fachliche Einschätzung für die Hormonbehandlung.

Doch ihre Hausärztin fühlt sich nicht ausreichend ausgebildet, eine Hormontherapie bei einer trans* Patientin zu begleiten, und verweist sie weiter.

Frau K. beginnt erneut mit der Suche.

Wieder vergehen Wochen. Eine Praxis fühlt sich nicht zuständig, eine andere nimmt keine neuen Patient*innen auf, eine weitere kann ihr keine Behandlung anbieten. 

Gegen die erlebte Ausweglosigkeit

Der jahrelange Leidensdruck im Zusammenhang mit ihrem Körper besteht fort. Jeden Morgen muss sie sich mit ihrer Gesichtsbehaarung auseinandersetzen, erlebt den trotz Rasur bleibenden Bartschatten als sichtbaren Widerspruch zu ihrem weiblichen Erscheinungsbild. Die ersehnte Hormontherapie und Epilationsbehandlung, die für sie einen wichtigen Schritt zu mehr körperlichem Wohlbefinden darstellen würden, bleiben unerreichbar. Ihr psychischer Zustand verschlechtert sich. Frau K. wird zunehmend energie- und hoffnungslos, zieht sich zurück und entwickelt depressive Symptome. 

Der Fall von Frau K. macht deutlich, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung für trans* Menschen mit Fluchterfahrung nicht allein davon abhängt, ob eine Behandlung grundsätzlich im deutschen Gesundheitssystem verfügbar ist. Zwischen dem individuellen Bedarf und der tatsächlichen Versorgung können zahlreiche Barrieren liegen: fehlende Therapie- und Behandlungskapazitäten, mangelnde trans* – und fluchtspezifische Kenntnisse, Sprachbarrieren, fehlende Finanzierung von Sprachmittlung, komplizierte Zugangswege und die Notwendigkeit, sich wiederholt selbst durch ein für die Betroffenen schwer durchschaubares Versorgungssystem zu bewegen, sodass notwendige Behandlungen viel zu oft verunmöglicht werden. 

Einladung zum Tag der offenen Tür

An dieser Stelle möchten wir euch herzlich zu unserem Tag der offenen Tür unseres Gesundheitsnetzwerkes TIN* & Flucht am 25.11.2026 von 17 – 19 Uhr einladen!

Unser Netzwerk bringt Menschen und Fachkräfte aus verschiedenen LSBTI* Community-Organisationen und der Regelversorgung zusammen, die sich für eine bessere gesundheitliche Versorgung von trans*, inter* und nichtbinären Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung einsetzen. Besonders möchten wir an diesem Tag psychotherapeutische und medizinische Behandler*innen (auch gerne in Ausbildung) einladen, unser Netzwerk kennenzulernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu vernetzen.

Wir wollen uns gemeinsam den Fragen widmen: Was passiert, wenn eine Behandlung grundsätzlich verfügbar ist, aber für die betroffene Person trotzdem kaum erreichbar bleibt? Und wie können wir als Fachkräfte und Unterstützer*innen dazu beitragen, dass aus einem formalen Anspruch auch tatsächlich zugängliche und diskriminierungssensible Versorgung wird? 

Zudem möchten wir einen Raum schaffen, in dem Erfahrungen, Wissen und Perspektiven ausgetauscht, Fragen gestellt und neue Verbindungen geknüpft werden können. So wollen wir auch langfristig einen Raum schaffen, in dem sich psychotherapeutische und medizinische Behandler*innen solidarisch in die Begleitung von TIN* Geflüchteten einbringen können – sei es durch die Vermittlung und Übernahme von Klient*innen, durch fachlichen Austausch und Intervision, durch Vernetzung oder durch die Bereitschaft, gemeinsam nach Lösungen für bestehende Versorgungshürden zu suchen.

Wir freuen uns über alle, die bereits Erfahrung mit trans* Klient*innen haben und genauso über diejenigen, die sich dem Thema erst annähern möchten. Auch freuen wir uns besonders über diverse Lebensrealitäten, wenn Behandelnde selbst der queeren Community zugehörig sind und eigene Flucht- und/oder Migrationserfahrungen mitbringen. 

Wann: 25.11.2026 von 17 bis 19 Uhr

Wo: Checkpoint Berlin am Hermannplatz, Hermannstraße 257, 12049 Berlin

 

Autor: Falk Wachsmann

Schlagworte
Transidentität
Menschen mit Migrationshintergrund
Geflüchtete
PT mit Geflüchteten
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© iStock.com/imaginima

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