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Wenn Hitze zur Gefahr wird: Katharina Simons über Klimakrise, vulnerable Patient*innen und die Verantwortung des Berufsstandes

08.07.2026

Katharina Simons ist Verhaltenstherapeutin in privater Praxis und engagiert sich seit 2020 bei den Psychologists/Psychotherapists for Future e. V. Simons hat die Klima AG der PtK Berlin mitbegründet, die zuletzt im Juni 2026 einen Workshop veranstaltete zum Thema "Hitze und psychische Krankheit. Was können Psychologische und Ärztliche Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen tun, um psychisch Erkrankte vor den Folgen extremer Hitze zu schützen?"

Frau Simons, Sie engagieren sich in der Klima AG der PtK Berlin und organisieren unter anderem Fortbildungen, die die Themen Klima und Hitze noch mehr in Ihr Berufsfeld hineintragen. Gab es für Sie eine Art Initialzündung?

Simons: Ich habe vor einigen Jahren einen ausführlichen Vortrag von Will Steffen, einem der Autoren des Weltklimaberichts (IPCC) gehört - und da ist mir der Groschen gefallen, wie ernst die Situation mit Blick auf die Klimakrise ist. Daraufhin habe ich angefangen, mich zu engagieren, um meine Fachlichkeit als Psychotherapeutin zur Förderung von Klimaschutz und nachhaltigen Lösungen einzubringen.

Was sind die Ziele der Klima AG?

Simons: Wir versuchen hier die Ressourcen der Kammer unter anderem für Fortbildungen zum Thema Gesundheitsschutz und Klima einzusetzen und unsere Verantwortung als Psychotherapeut*innen für den Erhalt der ökologischen Lebensgrundlagen umzusetzen. Seit ein paar Jahren steht dieser Erhalt auch in der Berufsordnung, das Themenfeld ist also eine Kammeraufgabe. Wir informieren und sensibilisieren unsere Mitglieder durch Informationen und Aufklärung, adressieren das Thema in Gesprächen mit der Landespolitik und gemeinsam mit anderen den anderen Landeskammern und anderen Gesundheitsberufen. 

Wie gut klappt die Vernetzung mit anderen Berufsgruppen und der Politik? Hat das Bewusstsein in den letzten Jahren zugenommen?

Simons: In allen Gesundheitsberufen passiert gerade das Gleiche; es gibt überall AGs zum Thema. Herausordernd ist die Vernetzung, da sie Zeit kostet und neue Formate braucht. Aber es passiert etwas: Das Hitzaktionsbündnis auf Berliner Ebene bringt viele Akteure zusammen. Auch auf Bundesebene gibt es die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) gemeinsam mit der Bundesärztekammer, die ein Netzwerk geknüpft hat, um den Hitzeschutz voranzubringen. Dort sind wir als Berliner Kammer auch Mitglied.

Kommen wir zum Thema Hitze und psychische Gesundheit. Hitze schadet auch der Psyche und ist gerade für psychisch erkrankte Menschen besonders gefährlich, wie auch die diesjährige Pressemitteilung der PtK Berlin zum Hitzeaktionstag betont. Warum ist das so?

Simons: Es gibt drei Gründe. Erstens verändert Hitze die Stimmung; Forschung zeigt, dass sie aggressiver macht und es schwerer fällt, Impulse zu kontrollieren.  Es gibt an heißen Tagen mehr Fälle in Notaufnahmen, mehr Krisen und Suizide. Zweitens haben Menschen mit psychischen Erkrankungen oft ein weniger gutes Gefühl für ihre eigenen körperlichen Zustände, was die Anpassung an die Hitze – also Trinken, Kleidung, Abkühlung – erschwert. Bei einer Hitzewelle in Kanada hatten schizophrene Patient*innen die höchste Sterberate aller vulnerablen Gruppen. Drittens spielt die Medikation eine Rolle; manche Medikamente wirken unter Hitze anders, weshalb man auf Dosierung und Flüssigkeitszufuhr achten muss.

Welche Arzneistoffe potenzielle Risiken bei Hitze mit sich bringen können, listet etwa die sogenannte Heidelberger Hitzetabelle des Universitätsklinikums Heidelberg auf. 

Simons: Genau. Aber das Thema der Medikamentendosierung ist natürlich vor allem eine psychiatrische Frage.

Welche konkreten Gespräche sollten Psychotherapeut*innen zum Hitzerisiken mit Patient*innen führen?

Simons: Psychotherapeuten sollten über Hitzeschutzmaßnahmen sprechen. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat einen Muster-Hitzeschutzplan für Praxen erstellt. Das umfasst die Kühlung der Räume, die Anpassung der Arbeitszeiten und das Identifizieren gefährdeter Patient*innen zu Sommerbeginn. Man sollte Wasser anbieten, auf das Trinken hinweisen, über Kleidung und kühle Orte in der Umgebung sprechen. Auch wenn das profan klingt, ist es wichtig, da das Körpergefühl der Patient*innen oft nicht alles mitschneidet.

Wie findet man überhaupt heraus, ob Patient*innen Hilfe brauchen?

Simons: Die Bundespsychotherapeutenkammer hat einen sehr guten Flyer dazu herausgegeben, in dem alle relevanten Infos zusammengestellt sind. Zusätzlich hilft die Zusammenarbeit mit dem ganzen Hilfenetzwerk, wie mit der Soziotherapie, Einzelwohnhilfen oder Angehörigen, die näher am Alltag dran sind. Das geht zum Teil über die gewohnte psychotherapeutische Leistung hinaus – man handelt hier sehr praktisch und fürsorglich im Bereich der Lebensführung.

Viele Betroffene haben keinen digitalen Zugang oder leben allein. Wie erreicht man sie?

Simons:  Diejenigen, die besonders gefährdet sind, sind oft darauf angewiesen, angesprochen zu werden. Dafür braucht man soziale Einrichtungen und Kontaktmöglichkeiten nah am Wohnort, wie Nachbarschaftszentren, die Tafel oder Sozialberatung. Auch aufsuchende Formate wie Streetwork sind wichtig. Es ist problematisch, wenn solche Einrichtungen weggekürzt werden. Zudem fällt mit jedem Digitalisierungsschritt, wie der Selbstbedienungskasse oder dem E-Rezept, ein persönlicher Kontakt weg, bei dem jemandem etwas auffallen könnte. 

Der Berliner Hitzeaktionsplan benennt psychisch Kranke bislang nicht explizit als vulnerable Gruppe. Was sind Ihre Forderungen an den Senat?

Simons: Der erste Schritt ist die Aufnahme in die Liste der vulnerablen Gruppen. Man denkt bislang  bei chronischen Erkrankungen eher an Diabetes als an Depressionen. Zudem braucht es spezifische Hitzeschutzpläne für die Psychiatrie, da Stationen oft geschlossen sind und Patient*innen dort wenig Autonomie haben. Auch der bauliche Zustand und die Kühlung vieler Kliniken sind oft nicht ausreichend.

Was können Praxen und Kliniken jetzt schon tun?

Simons: Das Thema in der Praxis sichtbar machen, zum Beispiel durch Flyer oder Plakate. Man sollte sich über kühle Räume in der Umgebung informieren und die Hitzewarnstufen des Deutschen Wetterdienstes im Blick behalten. Wichtig ist auch, die Symptome von Hitzekrankheiten wie Schwindel oder Verwirrtheit zu kennen, um Patient*innen rechtzeitig warnen zu können. 

Eine Frage zum Thema Klimaangst: Wo verläuft die Grenze zwischen einer gesunden emotionalen Reaktion und Behandlungsbedürftigkeit?

Simons: Die Belastung durch die Bedrohlichkeit der Klimakrise ist real und die Angst davor angemessen, nicht pathologisch. Sie ist ein Belastungsfaktor wie Krieg oder Armut. Eine psychische Erkrankung entsteht oft, wenn Belastungen sich summieren. Klimaangst ist keine eigene Krankheit, sondern ein Faktor, der bestehende Erkrankungen verschlimmern kann. Ich empfehle, dies in der Anamnese aktiv zu erfragen und bei Anzeichen ein Management der Exposition anzustreben, um das Nervensystem nicht durch "Doomscrolling" zu überlasten. Aber völliges Abschotten ist auch nicht rational.

Wie kann sich Ihre Berufsgruppe auf die zunehmende Gesundheitsbedrohung durch die Klimakrise vorbereiten?

Simons: Wir müssen uns fragen, ob unsere Versorgungsformen für den entstehenden Bedarf noch richtig sind. Wir brauchen Angebote, die besser skalieren, etwa präventive Formate oder Gruppen zur Resilienzförderung. Vieles aus der Therapie, wie der Umgang mit Emotionen oder Frustrationstoleranz, ist für alle Menschen hilfreich, nicht erst, wenn es zur Symptombildung gekommen ist. Ich sehe Psychotherapeut*innen hier auch in einer anleitenden Rolle für andere Berufsgruppen. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass gesellschaftlich weniger Geld für die klassische Versorgung da sein wird und wir kreativer werden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Nicole Sagener.

Links
Pressemitteilung: PtK Berlin fordert Aufnahme psychisch erkrankter Menschen in …
Schlagworte
Klimakrise und Psychotherapie
Klimawandel
Hitzeschutz
Interview
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